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Risikomanagement für Städte und Gemeinde

Dr. Michael Buser | 20. Mai 2017 | Recht

Ein Thema (nur) für Industrie und Gewerbe?

Die aktuellen Entwicklungen im kommunalen Umfeld lassen befürchten, dass wir auf unsichere Zeiten zugehen. Bereits die gegenwärtige Risikolandschaft stellt Kommunen vor große Herausforderungen. Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit haben gezeigt, dass entsprechende Folgeerscheinungen das Funktionieren einer Kommune nachhaltig beeinträchtigen können. Bei der Bewältigung von Risiken geht es im kommunalen Bereich insbesondere um das Aufrechterhalten von Dienstleistungen sowie um das Wohlergehen von Mitarbeitern und Bürgern. Im weiteren Sinne geht es aber ebenso um die Abwehr folgenschwerer monetärer Auswirkungen.

 

Kommunales Risikomanagement: Wo liegen die Gefahren für Städte und Gemeinden?
Viele Aufgaben und Tätigkeiten in unterschiedlichen Bereichen der kommunalen Verantwortung bieten unmittelbare Potenziale für vermeidbare Risiken (und Haftungen): Von den allgemeinen Dienstleistungen für Bürger, über Kindergärten, Schul- und Betreuungseinrichtungen, Energieund Wasserversorgung, Abwasser- und Müllentsorgung bis hin zu vielen Bereichen der kommunalen Verwaltung. Im Zusammenhang mit der Analyse von Risiken für Kommunen sind neben ökonomischen auch sozialpolitische Faktoren zu berücksichtigen: Demographische Veränderungen, der Umbau des Energiesystems, der Umgang mit den Folgen des Klimawandels, aber auch konkrete Bedrohungen wie Cyberrisiken, Betriebsunterbrechungsrisiken sowie Ertragsausfälle beispielsweise durch das Abwandern von größeren Betrieben.

Methodik: Risiken und Gefahren vs. Auswirkungen und Folgen
Bei der Methodik moderner Risikoanalysen hat sich im Gegensatz zur konventionellen Herangehensweise (welche Risiken verursachen welche Gefahren) ein eher auswirkungsbasierter Ansatz durchgesetzt (welche Folgen sind zu bewältigen). Ist der Schadensfall erst einmal eingetreten, spielt es für die Betroffenen in der akuten Situation eine untergeordnete Rolle, welches Glied der Kette versagt hat. Hat man im Vorfeld von Ereignissen bereits mögliche Schadenszenarien antizipiert und davon ausgehend einerseits präventiv versucht, potenzielle Schäden zu minimieren, andererseits daran gearbeitet, die Eintrittswahrscheinlichkeit der Faktoren des Schadenereignisses zu minimieren, lernt man als Organisation viel über sich selbst – nämlich interne Zusammenhänge und Abhängigkeiten. Beim Katastrophenschutz ist das schon weitgehend etabliert, im kommunalen Umfeld gibt es allerdings noch Ausbildungs- und Umsetzungsbedarf. Erscheinen in der Phase der Analyse von Risiken mögliche Szenarien noch eher abstrakt und unspezifisch, stellen sich im Eintrittsfall die zu beantwortenden Fragen allerdings sehr schnell und sehr konkret dar: Welche Auswirkungen hat ein Angriff auf die kommunalen EDV-Systeme, wenn dadurch für einen längeren Zeitraum das Melderegister nicht mehr zugänglich ist? Welche Maßnahmen sind erforderlich, wenn durch ein Brandereignis ein von der Kommune betriebenes Gebäude für längere Zeit nicht zur Verfügung steht?

Proaktiver Ansatz: Prozessorientiertes Risikomanagement
Für eine effektive Bewältigung von Risiken sind geeignete Lösungsansätze objektiv und emotionslos durchzudenken, und zwar im Vorfeld. Ein proaktiver Denkansatz ist angesagt. Hierbei sind auch die mittelbaren, indirekten Folgen, z.B. den Verlust von Funktionen, Sanierungs- und Wiederaufbaukosten, Schadenersatz, Haftungspotenziale, Personenschäden zu berücksichtigen. So verfällt man beim Setzen von Maßnahmen nicht in Aktionismus, sondern kann Schwerpunkte nach ihrer objektiven Auswirkung priorisieren. Risikomanagement erfordert einen umfassenden (ganzheitlichen) Ansatz. Denn traditionelle Maßnahmen konventioneller Schadenverhütung mit klassischen Schutzkonzepten genügen den heutigen Anforderungen an einen risiko-adäquaten Umgang mit Gefahren nur noch bedingt. Um ein Gefahrenpotenzial unter Berücksichtigung ökonomischer Rahmenbedingungen und wirtschaftlicher Möglichkeiten risiko-gerecht reduzieren zu können, braucht es offenkundig eine weitergehende Betrachtung von Risiken. Unfälle und Schadenszenarien können sowohl durch offensichtliche Fehler als auch durch unvorhersehbare Ereignisse verursacht werden. Während konventionelle Schadenverhütung primär die Identifizierung kalkulierbarer Risiken verfolgt, erfordert Risikomanagement auch den Umgang mit schwer kalkulierbaren Risiken. Da sich allerdings „unvorhersehbare“ Ereignisse naturgemäß im Vorfeld schwer identifizieren lassen, ist dieser Ansatz ungleich schwieriger umzusetzen als es der Umgang mit „normalen“ Fehlern abverlangt. Die besondere Herausforderung an Risikomanagement liegt darin, ein potenzielles Ereignis in der Zukunft vorauszusehen und sich vorzustellen, wie ein solches „virtuelles“ Schadenereignis ablaufen kann und welche Folgen und Konsequenzen potenziell zu erwarten sind. Erst die Prozessorientierung ermöglicht ständige Verbesserung. Hierbei empfiehlt sich ein konsequentes Fehlermanagement und die systematisierte Aufarbeitung von „Beinahe-Unfällen“ (sogenannte „Near Misses“). Risikomanagement lebt also als Prozess, der nach größeren Veränderungen oder regelmäßig wiederholt durchlaufen wird.

Dynamische Weiterentwicklung: Laufende Anpassung ist wichtig
Wie oft eine Risikoanalyse durchgeführt wird, hängt nicht nur von den äußeren Gegebenheiten ab. Die Zeit, die es braucht, um einzugreifen und zu steuern muss ebenfalls berücksichtigt werden. Die sich ständig ändernden wirtschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen erfordern zudem dynamische Anpassungsprozesse und, damit einhergehend, technologische und organisatorische Veränderungen. Daher ist es wichtig, Risikomanagementprozesse kontinuierlich anzupassen und „organisch“ weiterzuentwickeln. Daher wird es vom jeweilig betrachteten Risiko abhängen, wie ein effizienter Rhythmus der Analyse aussieht.

Finanzielle und personelle Ressourcen für Risikomanagement
Die stetige Verbesserung (Weiterentwicklung) des Risikomanagement-Prozesses bietet die Chance, durch risikobasierte Prävention langfristig Einsparungen zu erzielen. Verbesserte Steuerungsmöglichkeiten und handfeste wirtschaftliche Vorteile rechtfertigen den Ressourceneinsatz für die Umsetzung von nachhaltigem Risikomanagement. Anstatt zu hinterfragen, ob man sich die Investitionen für Risikomanagement leisten kann, sollte man eher fragen, ob man es sich leisten kann, kein (oder zu wenig) Geld (oder Personal) für risikoadäquate Prävention zu investieren.

Ausblick: Was tun?
Neben Industrie, Gewerbe und Handel müssen sich also auch Kommunen für drohende Risikoszenarien rüsten. Die Verantwortlichen in den Kommunen, Städten und Gemeinden müssen geeignete Maßnahmen gegen die wachsenden und sich stetig verändernden Herausforderungen vorbereiten. Hierzu benötigen sie Lösungsansätze für die Zukunft. Expertenwissen im technischen, versicherungstechnischen und organisatorischen Bereich ist daher unumgänglich. Hierbei gilt es, unterschiedliche Personen mit Erfahrungen aus unterschiedlichen Risikobereichen an einen Tisch zu bringen. Mit interdisziplinärer Unterstützung und durch Kooperationen lassen sich geeignete Ansatzpunkte für ein effektives Risikomanagement erarbeiten.   

Dr. Michael Buser
Geschäftsführer, Risk Experts