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VersVG-Bestimmungen in der Praxis

Gerhard Veits | 27. Mai 2021 | Recht

§ 38 VersVG (Erstprämienverzug)

(1) Ist die erste oder einmalige Prämie innerhalb von 14 Tagen nach dem Abschluss des Versicherungsvertrags und nach der Aufforderung zur Prämienzahlung nicht gezahlt, so ist der Versicherer, solange die Zahlung nicht bewirkt ist, berechtigt, vom Vertrag zurückzutreten. Es gilt als Rücktritt, wenn der Anspruch auf die Prämie nicht innerhalb dreier Monate vom Fälligkeitstag an gerichtlich geltend gemacht wird.

(2) Ist die erste oder einmalige Prämie zur Zeit des Eintritts des Versicherungsfalls und nach Ablauf der Frist des Abs. 1 noch nicht gezahlt, so ist der Versicherer von der Verpflichtung zur Leistung frei, es sei denn, dass der Versicherungsnehmer an der rechtzeitigen Zahlung der Prämie ohne sein Verschulden verhindert war.

(3) Die Aufforderung zur Prämienzahlung hat die im Abs. 1 und 2 vorgesehenen Rechtsfolgen nur, wenn der Versicherer den Versicherungsnehmer dabei auf diese hingewiesen hat.

(4) Die Nichtzahlung von Zinsen oder Kosten löst die Rechtsfolgen der Abs. 1 und 2 nicht aus.

Zweck der Regelung:
Der § 38 VersVG regelt die Konsequenzen, wenn sich ein VN mit der ersten oder einmaligen Prämie in Zahlungsverzug befindet. Bei Vorliegen der entsprechenden Voraussetzungen hat der VR die Möglichkeit, vom Vertrag zurückzutreten und darüber hinaus kommt es zur Leistungsfreiheit des VR nach § 38 (2) VersVG.

Abgesehen davon kann der VR auch Verzugszinsen geltend machen. Hier gelten die gleichen „Zinsregeln“ wie etwa umgekehrt bei einem Zahlungsverzug des VR. Somit beträgt der Verzugszins bei Verträgen von Konsumenten 4 % (§§ 1000, 1333 ABGB) und bei Verträgen von Unternehmern 9,2 % über Basiszinssatz (§ 456 UGB).

Was ist die „Erstprämie“?
Als Erstprämie wird eine Einmalprämie – und bei laufender Prämienzahlung – die zeitlich erste Prämie für die erste Versicherungsperiode bezeichnet. Das bedeutet auch, dass eine Erstprämie den Abschluss eines neuen Vertrages voraussetzt. Wird nämlich ein bereits bestehender Vertrag verändert oder erneuert, so liegt nur dann ein neuer Vertrag vor, wenn nach dem Willen der Vertragsparteien ein solcher abgeschlossen wird.

Erstprämien können etwa sein:
■ Einmalige Prämien, z. B. für kurzfristige Versicherungen
■ Einmalprämie für mehrjährige Versicherungen
■ Erste Jahresprämie
■ Erste Rate der Jahresprämie bei unterjähriger Zahlungsweise
■ Mehrprämie aus Summenerhöhung
■ Mehrprämie aus Einschluss neuer Risiken (Vollkasko statt Teilkasko)

Keine Erstprämie liegt demnach vor, wenn der bestehende Vertrag - unter Wahrung der Vertragsidentität - nur abgeändert wird. Nur das Ausfüllen eines neuen Antragsformulars und die Ausfertigung einer neuen Polizze begründet noch nicht automatisch das Entstehen eines neuen Vertrags (Novation). Für das Vorliegen eines neuen Vertrags spricht eine Änderung von wesentlichen Vertragsinhalten wie etwa der VN, das zu versichernde Risiko, die zu versichernden Objekte, die Versicherungssummen, die Vertragsdauer, die Höhe der Versicherungsprämie.  Die  Änderung „nur“ eines dieser Merkmale bedeutet hingegen eben nicht zwingend die Annahme eines neuen Vertrags, sondern es ist eine Gesamtbetrachtung vorzunehmen.

Diese Abgrenzung ist im Einzelfall von großer Bedeutung, nachdem bei Verzug einer Erstprämie bereits nach kurzer Frist die Leistungsfreiheit des VR droht, während bei Verzug einer Folgeprämie (§ 39 VersVG) diese Rechtsfolge an weitere Voraussetzungen geknüpft ist.

Unterjährige Prämienzahlung
Sehr häufig wünschen Versicherungsnehmer eine Zahlungserleichterung in Form von Raten, sodass nicht jährlich die gesamt Jahresprämie fällig wird. Wurde eine „unterjährige“ (halbjährliche, vierteljährliche oder monatliche) Zahlungsweise vereinbart, gilt nur die erste Prämienrate als Erstprämie, jede weitere Prämienzahlung aber als Folgeprämie.

Besonderheit „Vorläufige Deckung“
Eine vorläufige Deckung durch den VR begründet einen provisorischen Versicherungsschutz, noch vor einer abschließenden Risikoprüfung und gänzlicher Einigung der Vertragspartner über die endgültige Ausgestaltung des in Aussicht genommenen Versicherungsvertrags. Durch eine solche vorläufige Deckungszusage wird der § 38 (2) VersVG von den Vertragsparteien (konkludent = sich zwingend ergebend) abbedungen. Der VN verfügt unmittelbar über Versicherungsschutz!

Eine vorläufige Deckung stellt einen selbständigen Versicherungsvertrag dar und bedarf einer schlüssigen Vereinbarung.

Wann gilt die 14-Tage-Frist als eingehalten?
Diese Frage wird durch den § 36 VersVG beantwortet. Die Prämienschuld ist als qualifizierte Schickschuld zu behandeln. So gilt die 14-Tage-Frist zur Entrichtung der Erstprämie (zur Vermeidung einer Leistungsfreiheit des VR) als eingehalten, wenn der VN die Zahlung innerhalb der Frist veranlasst hat und diese in der Folge beim VR einlangt. Das heißt, die Prämie muss nicht schon innerhalb der Frist auf dem Konto des VR eingelangt sein. Bei bargeldloser Banküberweisung kommt es demnach auf das Einlangen des physischen oder elektronischen Überweisungsauftrags des VN bei seiner Bank am letzten Tag der Frist an. Dabei ist es auch nicht erforderlich, dass das Konto des VN am Tag des Überweisungsauftrags ein entsprechendes Guthaben aufweist, sondern es ist ausreichend, wenn die Überweisung von seiner Bank als gedeckt behandelt wird.

Wenn eine Lastschriftvereinbarung getroffen wurde, hat der VN das Erforderliche getan, wenn er den Geldbetrag auf seinem Bankkonto zum Einzug durch den VR bereithält.

In diesem Fall liegt eine Holschuld vor, wodurch Verzögerungen durch verspätete Einreichung der Lastschrift oder ein Versehen der Bank des VR zu Lasten des VR gehen. Dasselbe gilt auch, wenn der VR eine fehlerhafte Lastschrift veranlasst.

Wenn der VN nur einen Teil der Erstprämie bezahlt?
Bezahlt der VN nicht die gesamte Erstprämie sondern nur einen Teil davon, so befindet er sich in Teilverzug. Damit erwirbt der VN aber nicht etwa einen teilweisen (aliquoten) Versicherungsschutz, es gilt vielmehr das „Alles-oder-Nichts-Prinzip“. Hier gibt es eine vom Gesetz vorgesehene Ausnahme, den geringfügigen Prämienrückstand.

So sieht der § 39a VersVG vor, dass keine Leistungsfreiheit des VR gegeben ist, wenn der VN mit nicht mehr als 10 % der Prämie, maximal aber mit EUR 60,00 im Rückstand ist. Diese Regelung gilt sowohl für die Erstprämie als auch für die Folgeprämie! Das Rücktrittsrecht des VR gemäß § 38 (1) VersVG bleibt davon aber unberührt.

Unverschuldeter Prämienrückstand
Im § 38 (2) VersVG ist normiert, dass eine Leistungsfreiheit des VR ausscheidet, wenn der VN ohne sein Verschulden an der fristgerechten Prämienzahlung gehindert war. Der Beweis für den unverschuldeten Prämienrückstand hat jedenfalls der VN zu erbringen. Der VN kann sich in diesem Zusammenhang aber nicht etwa dadurch entschuldigen, dass er sich während der Erstprämien-Zahlungsfrist im Urlaub befunden habe. Andererseits kann man von einem vom VN unverschuldeten Prämienrückstand sprechen, wenn sich dieser innerhalb der Frist etwa als Patient in der Intensivstation eines Krankenhauses befunden hat.

Aufforderung zur Prämienzahlung
Im Absatz 3 des § 38 VersVG wird bestimmt, dass die möglichen Rechtsfolgen eines Erstprämien-Zahlungsverzugs des VN (Rücktritt bzw. Leistungsfreiheit des VR) nur dann in Frage kommen, wenn dem VN auch eine „qualifizierte“ Zahlungsaufforderung zugegangen ist. Eine Zahlungsaufforderung ist dann als qualifiziert zu betrachten, wenn der VR auf die Rechtsfolgen bei Zahlungsverzug (Rücktritt bzw. Leistungsfreiheit des VR) hingewiesen hat.

Nichtzahlung von Zinsen oder Kosten
Der § 38 (4) VersVG stellt fest, dass die Nichtzahlung von Zinsen und/oder Kosten (z.B. einer Vinkulierungsgebühr) durch den VN weder einen Rücktritt noch eine Leistungsfreiheit des VR begründen können.