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Die Welt mit den Kinderaugen sehen … willkommen in der großen Welt der kleinen Leute!

Mag. Erwin Weintraud | 16. Dezember 2020 | Wirtschaft & Steuern

Schon mal in die Knie gegangen – nicht weil die Bandscheiben wieder mal zwicken – sondern um bewusst mit Kinderaugen das Verkehrsgeschehen auf der Straße zu erleben? Man gewinnt so Einblicke in eine neue, vielleicht längst vergessene Dimension: man staunt, wie riesig und bedrohlich nicht nur der Schulbus erscheint….

Wenn man klein ist, erlebt man den Straßenverkehr eben anders. Kinder können oft nicht über Autos hinweg sehen und bemerken so Fahrzeuge daher später als Erwachsene – und man wird auch als Kind später vom Lenker bemerkt.

Ebenso Entfernungen und Geschwindigkeit schätzt man als Kind schwerer ein.
Nicht zu vergessen, egal ob ein Kind ruhig, ängstlich, abenteuerlustig oder ruhelos ist, Kinder sind durch ihre natürliche Neugierde leicht ablenkbar und gefahrenunterschätzend. Gedankenversunken können sie für einen längeren Zeitraum alles vergessen – auch einfache Gefahren des täglichen Lebens.

Kinder zu haben oder auch bloß zu beaufsichtigen, bedeutet eine enorme Verantwortung zu übernehmen.

Wenn wir also mit unseren Kunden über die Absicherung ihrer Kinder reden – dann gehören neben den Themen wie Ansparung, Unfall, Krankheit auch Haftungsrisiken angesprochen.
Diese Bereiche wollen wir uns in unserer Serie näher anschauen und dazupassende Denkanstöße geben.

Denkanstoß 1:
wie ist das nun mit der Aufsichtspflichtverletzung?

„Eltern haften für ihre Kinder“ – jeder kennt diese Tafel, die vielerorts zu finden ist, insbesondere bei Baustellen, die für Kinder eine magische Anziehungskraft als Spielumgebung haben.
Auch wenn hier eine generelle „Haftung für Kinder“ suggeriert wird - die Bedeutung liegt in der Tatsache, dass Eltern für das Verhalten ihrer Kids häufig geradestehen müssen.

Die Beurteilung, ob und unter welchen Voraussetzungen die Eltern oder Aufsichtspersonen eine Haftung für von Kindern verursachten Schäden übernehmen müssen, ist eine reine Rechtsfrage. Deren Lösung ist zwar nicht die Aufgabe eines Versicherungsmaklers, dennoch hängen solche Diskussionen eng mit der Deckungsfrage zusammen. Es beschränkt sich die Funktion einer Haftpflichtversicherung nicht nur darauf Schäden zu bezahlen, sondern gegebenenfalls – aufgrund der im Einzelfall beurteilten Rechtslage in Österreich – Schadenersatzansprüche von Geschädigten in diesem Sinne auch abzuwehren.

Und hier beginnen die Probleme mit dem Verständnis des Versicherungsnehmers, die eine Haftpflichtversicherung so verstehen wollen, dass ein Schaden immer bezahlt wird, wenn es eine Haftpflichtversicherung gibt. Das ist ein Trugschluss. Für den Fall der Verletzung einer Aufsichtspflicht wird die Zahlungsfunktion des Versicherers im Vordergrund stehen, was ist aber bei all jenen Fällen, wo eine Aufsichtspflicht nicht verletzt wurde, der Schaden aber dennoch eingetreten ist? In solchen Fällen geht der Haftpflichtversicherer in die Abwehrdeckung, der Versicherungsschutz ist gegeben, es erfolgt aber, zum Unverständnis des Versicherungsnehmers, keine Zahlung. Dazu kommt noch, dass in der Praxis häufig Nachbarn oder Freunde die Geschädigten sind und der Versicherungsnehmer sich emotional zum Schadenersatz verpflichtet fühlt.

Die Wiedergutmachung eines von Kindern verursachten Schadens trifft in der Regel die Eltern oder die jeweils gerade betreuenden Personen, die zum Schadenszeitpunkt ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen sind.
Diese Aufsichtspflicht beginnt mit der Geburt des Kindes und erstreckt sich grundsätzlich bis zur Volljährigkeit. Sie soll gewährleisten,
■   dass Kinder niemand Anderem Schaden zufügen;
■   dass die Kinder sich nicht selbst schädigen und
■   dass sie nicht von Anderen geschädigt werden.

Die Pflicht zur Aufsicht hat immer derjenige, der die Obsorge über das Kind hat. Das können aber nicht nur die Eltern, sondern auch u.a.Verwandte, Nachbarn oder Freunde, Babysitter oder auch Betreuer in einem Verein sein. Sie alle stehen im Haftungsfeld für Schäden aufgrund einer möglichen Aufsichtspflichtverletzung.

Gerade in solchen Beratungssituationen sollte man sich die mahnenden Worte von Gerhard Kofler in Erinnerung rufen, der in seinen Seminaren immer und immer wieder predigt:
„Das Zahlenwollen ist nicht versichert – nur das Zahlenmüssen!“

Die private Haftpflicht deckt eine umfangreiche Palette an Haftungsrisiken ab. Jedoch gerade bei Schäden mit Kinderbeteiligung erleben wir in unserer Maklerpraxis immer wieder Situationen, wo im Endeffekt diese „moralische Verpflichtung“ nicht durch eine Versicherungsleistung befriedigt werden kann….

■   beim Besuch bei Freunden toben die Kinder zu heftig und ein Fruchtsaft ergiesst sich großflächig auf die Stoffcouch der Freunde. Diese ist mittlerweile schon ein wenig älter. Aufgrund des Alters fällt die Entschädigung nur sehr gering aus…

  * kein Deckungsproblem, aber Haftungsproblem, weil der Anspruch auf Neuwert im österreichischen Schadenersatzrecht nicht verankert ist, daher gibt es außer Privathaftpflichtversicherung auch keine Neuwert Ersatz.
■   der Vater arbeitet im Home-Office. Sein 5jähriger Sohn verwendet diesen in einen unbemerkten Moment als Spielzeug und beschädigt so den Laptop vom Arbeitgeber seines Vaters…
  * hier haben wir ein Deckungsproblem, weil der Laptop in Verwahrung war.
■   Der 17jährige Sohn freut sich über seinen ersten Ferialjob. Sein Arbeitgeber ist weniger erfreut über den von ihm verursachten Brand aufgrund einer nicht ausreichend gelöschten Zigarette…
  * hier lehnt der Versicherer deswegen ab, weil der Schaden im Zusammenhang mit einer beruflichen Tätigkeit entstand, also wieder keine Deckung.

All diese Fälle aus dem Bereich der Deckung wie auch dem Bereich der Haftung führen in der Regel bei Bestand einer normalen Privathaftpflichtversicherung zu keiner zufriedenstellenden Erledigung aus Sicht unserer Kunden.

Ich hätte deshalb gerne eine Zusatzklausel in der privaten Haftpflichtversicherung, die folgende Bereiche erfasst:
■   Ersatzpflicht auch bei Unmündigen trotz fehlen einer Haftung, wenn auch mit Sublimit;
■   Neuwertersatz anstelle Zeitwertersatz, wenn auch mit einer Summenbegrenzung oder
■   die Teilnahme an Betriebspraktiken oder Ferialjobs als mitversicherte Gefahr des täglichen Lebens, subsidiär.

Es wäre deshalb wünschenswert, wenn sich auch österreichische Versicherungen verstärkt diesen Themen widmen.

Es liegt an uns, das Gespräch mit den Versicherungen zu suchen und Lösungen im Sinne unserer Kunden zu kreiieren. Solange dies nicht möglich ist, bleibt uns nur der Blick über den Tellerrand nach Deutschland, wo es Lösungen für diese Themen gibt.

In unserer nächsten Ausgabe werden wir in die Welt der Biometrie eintauchen – aus der Sicht der Kinder – für Kinder!