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Klimawandel im Kontext der Versicherungswirtschaft

Riskexperts | 24. Juni 2019 | Wirtschaft & Steuern

Klimawandel im Kontext der Versicherungswirtschaft

In den letzten Jahren mussten Versicherungsgesellschaften weltweit mehr durch Naturgefahren verursachte Schäden abwickeln als klassische Brandschäden, da Klima- und Wetterrisiken merkbar zunehmen.

In den letzten Jahren wurden in Österreich mehrmals Wetterextreme wie Hitzerekorde, Stürme, Starkniederschläge und Hochwasser, aber auch winterliche Rekordschneemengen gemessen.

Klimawandel vs. Wetterphänomene
Klimakritiker argumentieren zurecht, dass es bereits in der Vergangenheit zu großen Klimaschwankungen und außergewöhnlichen Wetterphänomenen gekommen ist. Einerseits sind natürliche Veränderungen auf langfristige Prozesse zurückzuführen, andererseits auch auf plötzliche Ereignisse. So starben vor etwa 65 Millionen Jahren die Saurier aus, als im Gebiet des heutigen Golf von Mexico ein sehr großer Meteor einschlug und z.B. durch die Freisetzung von enormen Staubmengen die Sonne abgeschattet und infolgedessen die globale Durchschnittstemperatur über einen längeren Zeitraum abgesenkt wurde. Ein ähnliches Phänomen trat auch vor ca. 200 Jahren auf der nördlichen Hemisphäre auf, als ein Jahr nach Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815 immer noch enorme Aschemengen in der Atmosphäre dafür sorgten, dass es im Sommer 1816 ungewöhnlich kalt war. Missernten, Hungersnot und abertausende Todesopfer, vor allem in Westeuropa und Nordamerika, waren die Folge. Ein Massenexodus aus z.B. Württemberg war die Folge, vergleichbar mit Flüchtlingsströmen infolge von Kriegen. Solche Klimaphänomene als Folge von Vulkanausbrüchen, die Wetterextreme über kürzere Zeiträume auslösten, sind wiederholt nachweisbar.

Treibhauseffekt
Es war aber auf der Erde in der Vergangenheit auch schon deutlich wärmer als heutzutage, die Pole waren eisfrei (definitionsgemäß leben wir heute immer noch in einer Eiszeit, da beide Pole das ganze Jahr über mit Eis bedeckt sind). Schuld daran ist der sogenannte Treibhauseffekt, da es bereits früher zur Freisetzung von enormen Mengen an Treibhausgasen wie Methan, Kohlendioxid etc. aus natürlichen Quellen gekommen ist, als der Mensch noch gar nicht existierte. Bohrkerndaten der letzten 5 Millionen Jahre zeigen, dass die globalen Durchschnittstemperaturen in diesem Zeitraum stark zyklisch schwankten; sie lagen während dieser Zeit aber nie um mehr als zwei Grad höher als zum Referenzzeitpunkt im Jahr 1950.

Im Unterschied zu damals setzt der Mensch seit Beginn der Industrialisierung um 1850 durch das Verbrennen von fossil gebundenem Kohlenstoff (Kohle, Erdöl, Erdgas) mehr Kohlendioxid frei als natürlich gebunden werden kann, gleichzeitig werden weltweit z.B. durch Abholzung natürliche Kohlenstoffsenken aus dem Kreislauf entfernt. Somit steigt die Konzentration von Kohlendioxid überproportional an und der anthropogene Treibhauseffekt verstärkt sich zusehends.

Teilweise können auch Selbstregulierungseffekte beobachtet werden. So kommt es im Zuge von Erwärmung auch zu vermehrter Wolkenbildung und somit zu Abschattungseffekten, da wärmere Luft mehr Wasserdampf aufnehmen kann. Weiters wurde beobachtet, dass sich der Golfstrom durch das Abschmelzen von Eis in der Arktis bereits messbar verlangsamt hat und dadurch langfristig eine Abkühlung im Bereich des nördlichen Atlantiks prognostiziert wird.

Wissenschaftler versuchen mit Klimamodellen Prognosen für die Zukunft zu erstellen, diese Modelle sind aber nur ein grobes Abbild der natürlichen Prozesse. Niemand kann derzeit mit Gewissheit sagen, wie schnell sich globale Wetterlagen verändern und wo die Grenzwerte sind, ab denen es kein Zurück mehr gibt entweder in Richtung Erwärmung oder auch Abkühlung. Schnee führt beispielsweise durch seine weiße Farbe zu einer deutlichen Vergrößerung der Albedo (Rückstrahleffekt der Sonnenstrahlen), wodurch der Großteil der Sonnenenergie, die auf die Erdoberfläche trifft, wieder ins All zurückgestrahlt wird und es so zu einer weiteren Abkühlung kommt. Wenn es nun zusätzlich zu Rekordschneemengen in der darauffolgenden Periode ungewöhnlich kalt bleibt, könnten sich die Effekte in Richtung Abkühlung verstärken. Deshalb sind auch Experimente kritisch zu sehen, die über künstliche Freisetzung von kleinen Partikeln in den oberen Luftschichten versuchen, den derzeitigen raschen Temperaturanstieg zu stoppen (Klima-Engineering - die Partikel in der Stratosphäre würden ähnlich wie Vulkanasche nach heftigen Vulkanausbrüchen einen natürlichen Sonnenschirm für die Erde bilden), da die langfristigen Folgen seriös nicht abschätzbar sind.

Dürren
Wie bereits eingangs erwähnt, ist die Versicherungswirtschaft mit den Auswirkungen des derzeitigen globalen Temperaturanstiegs und dessen Folgen konfrontiert. Da durch höhere Temperaturen mehr Energie in der Atmosphäre gespeichert ist bauen sich Gewitterwolken höher auf, Hagelkörner werden durch den zusätzlichen Auftrieb in der Wolke größer, auch die Blitzdichte und vor allem die lokale Regenmengen bei solchen Extremereignissen nehmen messbar zu.

Auch Stürme treten weltweit vermehrt und mit höherer Intensität auf. So wurden in der Karibik in den letzten Sommern mehr und stärkere Hurrikanes verzeichnet im Vergleich zum Beginn der Wetteraufzeichnungen. Auch das Mittelmeer wärmte sich zuletzt überproportional auf, wodurch im Frühherbst 2018 ein sogenannter „Medicane“ (tropensturm-ähnliches Sturmtief im Mittelmeerraum) auftrat.

Abgesehen von den Starkregenereignissen lassen Prognosemodelle vermuten, dass es nördlich der Alpen zu mehr Niederschlag kommen wird und im Süden und Osten die Jahresniederschlagsmengen zurückgehen werden. Im Weinviertel werden bereits jetzt durch die anhaltende Dürre im Frühjahr 2019 Ernteeinbußen prognostiziert. Auch in anderen Regionen der Welt werden Dürren zunehmen und die Wüstenbildung voranschreiten, so werden z.B. für Zentralspanien kaum noch Niederschläge prognostiziert. Auch das vermehrte Auftreten von Waldbränden ist eine der Folgen von lang anhaltenden Hitzeperioden.
Gletscher
Auch die alpinen Gletscher verlieren seit 1850 kontinuierlich an Masse. Nach dem endgültigen Abschmelzen der Gletscher in wenigen Jahrzehnten werden die Auswirkungen auf die Wasserwirtschaft dramatisch. So wird künftig die Wassermenge in den Flüssen deutlich zurückgehen, wodurch sich das Energiepotential in etwa halbieren dürfte und bereits jetzt durch Niederwasserperioden z.B. der Frachtverkehr an der Donau stark rückläufig ist. Das Abschmelzen der Gletscher in hochalpinen Lagen hätte allerdings kaum Auswirkungen auf den weiteren Anstieg der Weltmeere. Alle Gletscher weltweit haben ein Volumen von ca. 80.000 km³ welches bei deren Abschmelzen den Meeresspiegel um ca. 24 cm steigen lassen würden. Das weitere Abschmelzen der Antarktis und des Grönlandeises würde den Meeresspiegel allerdings in Summe um mehrere Meter anheben, dieser Abschmelzprozess dauert allerdings mehrere Jahrhunderte bis das gesamte Eis geschmolzen ist. Tatsache ist, dass viele flache Küstenregionen und Inselstaaten bereits jetzt die Auswirkungen des Anstiegs des Meeresspiegels zu spüren bekommen. Auch vermehrte Sturmfluten an den Küsten tragen nicht zur Entspannung bei. Teure Küstenschutzmaßnahmen und Ernteeinbußen durch weitere Versalzung der Böden sind zu erwarten.
Auch die thermische Ausdehnung der Meere würde theoretisch pro Grad Celsius Erwärmung ca. 20 bis 40 cm zum Anstieg des Meeresspiegels beitragen, allerdings erwärmen sich durch die Anomalie des Wassers nur die obersten Wasserschichten, sodass dieser Prozess einen eher geringen Einfluss auf den Anstieg der Weltmeere haben wird. Eine dramatische Auswirkung auf das Ökosystem im Meer wäre allerdings die bereits jetzt auftretende Versauerung der Meere aufgrund höherer Wassertemperaturen.

Der Blick in die Zukunft
Durch den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur ist auch ein Anstieg der Null-Grad-Grenze im Gebirge zu erkennen, so kommt z.B. im Zuge von Niederschlagsereignissen mehr Wasser, das früher als Schnee „zwischengespeichert“ wurde, direkt zum Abfluss. Abholzung im alpinen Raum und Landversiegelung verstärken diesen Effekt. Es zeigt sich weiters aus der Schadensstatistik, dass etwa 50% der Schäden außerhalb von in Modellen ausgewiesenen Risikozonen auftreten, durch z.B. Oberflächenwasserabfluss, Anstieg des Grundwasserspiegels, Rückstau aus überlasteten und auch für Extremereignisse zu gering dimensionierten Kanalisationen, um nur einige Beispiele zu nennen. Prognosemodelle ermöglichen hochwassergefährdeten Gemeinden und Betrieben entlang der Donau, Vorkehrungen zu treffen und z.B. mobile Hochwasserschutzwände aufzustellen. Die Hochwasserspitzen können durch die Vorhersagen gezielt über die Wehre der Kraftwerke und über Retentionsbecken abgeflacht werden, sodass das Schadenspotential verringert werden kann. Die Prognosemodelle stoßen allerdings an ihre Grenzen, wenn es um lokale Starkniederschläge und Gewitter im alpinen Raum geht. In diesem Bereich sind zu wenige Messstationen aufgestellt, um die notwendigen Basisdaten liefern zu können. Die Topographie und lokale Phänomene für die Computermodelle sind zu komplex und diese Modelle für ein exaktes Abbild der natürlichen Wetterprozesse zu vereinfacht, um mit der verfügbaren Rechenleistung rasch zu Ergebnissen zu kommen. Auch sind durch die kleinen Einzugsgebiete und die kurzen Fließzeiten bei (Wild-)Bächen wenn dann nur sehr kurzfristige Warnungen möglich.

Fazit
Es verdichten sich die Hinweise darauf, dass die jüngsten Entwicklungen im Klima und die daraus resultierenden Extremereignisse großteils auf anthropogene Einflüsse zurückzuführen sind. Vor allem die Freisetzung von Kohlendioxid durch Verbrennung von fossil gespeichertem Kohlenstoff wird als Hauptursache für den anthropogenen Treibhauseffekt angesehen.

Auch aus den Schadenstatistiken der führenden Rückversicherer wie MunichRe und SwissRe geht hervor, dass die Sachschäden in den letzten Jahren zunehmen, einerseits durch das vermehrte Auftreten von Extremereignissen, andererseits aber auch durch die höhere Konzentration an Sachwerten. Die Rückversicherer versuchen mit eigenen Prognosemodellen und Ausweisung von Naturgefahrenrisiken dem Versicherer und Risikoingenieuren Werkzeuge in die Hand zu geben, um die Risiken besser abschätzen zu können. In Zukunft wird aber vom Versicherungsnehmer Eigenvorsorge gefragt sein, da Versicherer bereits durch Selbstbehalte und Höchstschadenssummen versuchen, den eigenen finanziellen Schaden so gering wie möglich zu halten.

Für die Versicherungswirtschaft kommen durch das vermehrte Auftreten von Extremereignissen künftig noch größere Herausforderungen in Hinblick auf Schäden aus Naturereignissen zu, denn ein weiterer Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung bis zum Jahr 2100 bedeutet für manche Regionen lokal wesentlich höhere Temperaturanstiege und somit noch extremere Ereignisse. Ob die im Weltklimarat gesteckten Ziele realistisch erscheinen und ob sich der Energiehunger der Menschheit stoppen lässt wird sich zeigen. Berechtigte Zweifel sind angebracht, da nach China auch Staaten wie Indien und der gesamte Afrikanische Kontinent mit ihrer rasch zunehmenden Milliardenbevölkerung jetzt ebenfalls an der Schwelle stehen in das industrielle Zeitalter einzusteigen, auch die sogenannten Industrieländer zeigen einen ungebremsten Energiehunger.